Hernienchirurgie – altes Handwerk oder teure Netze

Dr. Ulrike MUSCHAWECK
Hernienzentrum Dr. Muschaweck – PD Dr. Conze PartG, München

Vortrag beim 13. Oldenburger Ärztetag der Landesärztekammer Niedersachsen, Bad Zwischenahn, 16. November 2013

Die Chirurgie von Bauchwandhernien ist die Chirurgie des „Häufigen“. Mit über 250.000 Eingriffen pro Jahr allein in Deutschland handelt es sich um die am häufigsten durchgeführte Operation. Dabei hat sich die Hernienchirurgie in den letzten Jahrzehnten erstaunlich verändert. Aus den „Bruchschneidern“ des Mittelalters sind ausgebildete Chirurgen geworden, mit profunden Kenntnissen der Anatomie von Leistenkanal und Bauchwand. Durch Eduardo Bassini wurden Nahtverfahren bei der Leistenhernie standardisiert, später vor allem vom Kanadier Earl Shouldice modifiziert. Konventionelle Nahtverfahren waren bis zum Ende des letzten Jahrhunderts weltweit Standardverfahren für alle Hernien. Durch die Entwicklung und Einführung von alloplastischen Netzmaterialien wurde das operative Verfahrensspektrum deutlich erweitert. Heute werden diese Kunststoffnetze in großer Anzahl weltweit eingesetzt, es gibt mehr als 100 Verfahren.

Obwohl alloplastische Netze aus Polyester oder Polypropylen bereits in den 60ziger Jahren für die Versorgung von Narbenhernien erfolgreich eingesetzt wurden, fanden die sogenannten Netztechniken erst ab den 80ziger Jahren einen standardisierten Einsatz in der Hernienchirurgie und sind heute nicht mehr daraus wegzudenken.
Anfang der 90ziger Jahre fanden die „minimal-invasiven Verfahren“ Einzug in die Leistenhernienchirurgie und haben sich neben den offenen Techniken  inzwischen etabliert.
Die zahlreichen unterschiedlichen Operationsverfahren, offen mit oder ohne Netz oder als MIC-Eingriff, sowie die schier unüberschaubare Anzahl an unterschiedlichen Netzprothesen machen die Therapieentscheidung für den Chirurgen und auch für den Patienten nicht einfach.
Wieviel Netz braucht nun die Hernie? Was ist Fortschritt, was ist Mode? In der Hernienchirurgie hat sich in den letzten Jahren der Begriff des „tailoring“, der Maßschneiderung etabliert. Demnach sollte die intraoperative Netzentscheidung anhand der spezifischen Morphologie der Gewebeschichten sowie der Risikofaktoren des jeweiligen Patienten (familiäre Häufung, Rauchen) durchgeführt werden. Dabei geht es weniger um die Vorlieben des Operateurs, als um das jeweilige Risikoprofil des Patienten. Bei großen medialen Leistenhernien ist das „Handwerk“ überstrapaziert und mit einer unverhältnismäßig hohen Rezidivrate behaftet. Diese Patienten sollten eine Verstärkung mittels nicht-resorbierbarer Kunststoffnetze erhalten.
Eine Leistenhernienreparation lässt sich bei der Mehrzahl aller Patienten ambulant mit einem sicheren Nahtverfahren in Lokalanästhesie durchführen, mit wenig Risiko und Materialkosten von unter 50 €.
Netze sind –wenn die Indikation stimmt- eine segensreiche Ergänzung, besonders bei sehr großen Hernien oder bei einer sichtbaren Schwäche der Faszien. In der Hernienchirurgie ist „altes Handwerk“ und “teure Netze“ somit kein Widerspruch, nicht schwarz oder weiß.

Es gibt nicht den „Standard-Patienten“ mit der „Standardhernie“ welche mit dem „Standardverfahren“ versorgt werden kann. Daher braucht nicht jeder Patient für die Versorgung seiner Hernie ein Kunststoffnetz. Die Sorge vor einer „Überversorgung“ durch Netzimplantation sollte bei der Wahl des Operationsverfahrens kritisch bedacht werden.  Ein „teures Netz“ sichert noch lange nicht den Erfolg einer Operation.

Fazit: Altes Handwerk, nicht „oder“, sondern „und“ teure Netze bei entsprechender Indikation.

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4 Responses to Hernienchirurgie – altes Handwerk oder teure Netze

  1. Kurt Göringer says:

    Sehr geehrte Frau Dr. Muschaweck,
    ich bin 59 Jahre und habe (beidseitig)einen Leistenbruch, der schon vor einigen Jahren diagnostiziert wurde. Damals riet man mir erst Mal abzuwarten, solange keine Beschwerden auftreten. Das ist nun eingetreten und ich möchte mich operieren lassen. Da ich in Witzenhausen, zwischen Kassel und Göttingen, lebe, möchte ich Sie fragen, ob Sie mir einen Arzt in meiner Umgebung empfehlen können.

    Mit freundlichen Grüßen
    Kurt Göringer

  2. Paresh Wolfgang Oestmann says:

    Keinen Kommentar,
    Fragen?:
    Hatte schon drei Operation des Leistenbruchs(2x minimalinvasiv, 1x traditionell), bin (Marathon-)läufer, der Leistenbruch rechts(nach altem Nahtverfahren) kam breitflächig wieder, welche Möglichkeiten gibt es die besser halten und das Bauchgefäßsystem wenig verletzen…
    Ich bitte um Infos…

    mit freundlichen Grüßen
    P.W.Oestmann

    • Sehr geehrter Herr Oestmann,

      vielen Dank für Ihre Anfrage.

      Unser Hernienzentrum ist die einzige Einrichtung in Europa, in der ausschließlich Hernien (Weichteilbrüche der Bauchdecken) operiert werden, und dies seit 20 Jahren.
      Wir tun uns aus der Ferne sehr schwer, Ihnen allgemeine Informationen über die weit mehr als 100 verschiedenen Operationsverfahrenen für Leistenbrüche zukommen zu lassen.

      Patienten mit einer ähnlichen Vorgeschichte wie der Ihrigen sind unser täglich Brot. Wir operieren nächste Woche einen professionellen Läufer aus England mit ebenfalls drei Voroperationen.
      Obwohl ich nicht weiß, wo Sie zuhause sind, sollten Sie sich überlegen, zu einer Untersuchung und Beratung nach München zu kommen. Sie bekommen eine Expertenmeinung für ca. € 200,- . Wenn Sie privatversichert sind, übernimmt Ihre Versicherung die Kosten. Dann können wir mit Ihnen gemeinsam überlegen, wie wir am besten fortfahren und welche Art der Operation für Sie die geeignetste ist.

      Wir würden uns freuen, von Ihnen zu hören.

      Mit freundlichen Grüßen / Kind regards
      Dr.med. Leonhard Muschaweck
      Gesundheitsökonom (ebs)
      Geschäftsführer

      Hernienzentrum Dr. Muschaweck – Dr. Conze PartG
      München-Bogenhausen
      http://www.leistenbruch.de

  3. Paresh Wolfgang Oestmann says:

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    vielen Dank für Ihre kompetente Website und prompte Antwort.
    Ich bin als Koch auch wegen der Hernienthematik zur Zeit arbeitslos, bei der AoK allgemeinversichert mit Zusatzkrankenversicherung bei der Debeka.
    Behandeln Sie ausschließlich Privatpatienten?

    Ich wohne in der Nähe von Freiburg,
    bin auf Bahn und Bus angewiesen, wie könnte eine Terminierung und Behandlung in ihrem zeitlichen Verlauf aussehen und wann wäre der früheste Zeitpunkt?

    Der Leistenbruch rechts hat einen „Öffnungsquerschnitt“von circa 9 cm,welches Verfahren käme voraussichtlich zur Anwendung
    (offen oder minimalinvasiv), welches Anäshesieverfahren, wie lange dauert der Aufenthalt in Ihrer Klinik und wie viele Wochen Schonung bei der Arbeit als Koch?

    Sehr viele Fragen,
    es geht mir nur um eine intelligente Planung,
    vielen Dank einstweilen für Ihre Mühe,
    mit freundlichen Grüßen
    P.W.Oestmann

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